Die Lackademie ist mein Herzensprojekt. Vielleicht gerade deshalb fällt es mir schwer, sie einfach als Kurs, Weiterbildung oder Ausbildung zu beschreiben. Natürlich wird es um Lack gehen, um Oberflächen, Materialien, Prozesse, Fehler und um all die Erfahrungen, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Das ist nur die sichtbare Oberfläche. Darunter liegt etwas, das mir heute mindestens genauso wichtig ist wie das Handwerk selbst – die Frage, wie wir arbeiten wollen, wie wir miteinander umgehen und was wir irgendwann weitergeben möchten.
Ich habe in meinem Leben vieles gelernt, aufgebaut, verworfen, neu begonnen und wieder weitergemacht. Mit den Jahren verändert das den Blick auf Erfolg. Dinge, die früher groß erschienen, werden kleiner. Und manches, das selbstverständlich wirkte, bekommt plötzlich einen ganz anderen Wert. Ein gegebenes Wort. Ein Handschlag. Ein Mensch, der kommt, wenn er gesagt hat, dass er kommt. Jemand, der einen Fehler zugibt, obwohl er ihn vielleicht hätte verbergen können. Jemand, der hilft, obwohl für ihn selbst nichts dabei herausspringt. Vielleicht klingt das unspektakulär. Für mich ist es das längst nicht mehr.
Unsere Zeit hat eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, aus fast allem eine Rechnung zu machen. Zeit soll sich rechnen. Wissen soll sich rechnen. Beziehungen sollen nützlich sein. Ein Betrieb soll wachsen, ein Mensch produktiver werden und das nächste Jahr erfolgreicher sein als das davor. Sobald etwas funktioniert, lautet die nächste Frage: Wie holen wir noch mehr daraus heraus? Ich stelle mir inzwischen lieber eine andere Frage: Wann ist es genug? Nicht aus Bequemlichkeit und nicht, weil ich keine Ziele mehr hätte. Sondern weil ich glaube, dass Maß etwas mit Freiheit zu tun hat. Nicht jede Möglichkeit muss ausgeschöpft werden, nur weil sie existiert. Nicht aus jedem Menschen muss das Maximum herausgeholt werden. Und eine Kuh wird nicht wertvoller, wenn man sie so lange melkt, bis sie zusammenbricht.
Vielleicht ist eine der größten Freiheiten überhaupt, irgendwann nicht mehr alles haben zu müssen, was man haben könnte. Bescheidenheit bedeutet für mich deshalb nicht, sich kleinzumachen. Ich kenne den Wert meiner Arbeit. Ich weiß, was Jahrzehnte an Erfahrung bedeuten. Ich weiß, wie viel Zeit, Fehler, Zweifel und Wiederholungen darin stecken, etwas wirklich zu können. Aber wer seinen eigenen Wert kennt, muss ihn nicht ständig beweisen. Er muss nicht neidisch auf den Erfolg eines anderen schauen. Er muss nicht alles besitzen, nur weil jemand anderes mehr besitzt. Er kann sich über das Gute freuen, ohne sofort zu fragen, warum es nicht ihm gehört.
Ich glaube auch daran, einem Menschen zu helfen, wenn man helfen kann. Eine Erfahrung teilen. Einen Kontakt herstellen. Eine Frage beantworten. Jemandem einen Fehler ersparen, den man selbst einmal machen musste. Nicht als Strategie und nicht mit einer unsichtbaren Rechnung im Kopf. Einfach, weil es richtig ist. Vielleicht kommt eines Tages etwas zurück. Vielleicht nie. Dann war es trotzdem nicht umsonst. Nicht alles Gute braucht eine Gegenleistung, um einen Wert zu haben.
Das bedeutet nicht, dass gute Arbeit kostenlos sein muss. Auch die Lackademie wird Geld kosten. Meine Zeit ist begrenzt, meine Erfahrung ist über Jahrzehnte entstanden und auch ich muss von meiner Arbeit leben. Darin sehe ich keinen Widerspruch. Zwischen einem fairen Austausch und Gier liegt für mich eine ganze Welt. Gute Arbeit darf einen guten Preis haben. Entscheidend ist, ob beide Seiten am Ende das Gefühl haben, ehrlich und fair miteinander umgegangen zu sein. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde ich vieles wahrscheinlich einfach weitergeben. Nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil es Freude macht, einen Menschen wachsen zu sehen. Aber solange wir von unserer Arbeit leben, darf Wissen einen Wert haben. Meine Werte stehen deshalb trotzdem nicht zum Verkauf.
In der Lackademie werde ich zeigen können, was ich über Lack, Oberflächen und Prozesse gelernt habe. Ich kann Zusammenhänge erklären, Fehler sichtbar machen, Erfahrungen weitergeben und vielleicht Umwege ersparen, für die ich selbst Jahre gebraucht habe. Aber eines kann ich niemandem geben: den eigenen Anspruch. Der muss bereits da sein. Wenn ein Haubenkoch einem Lehrling sein bestes Rezept gibt, entsteht daraus noch lange kein außergewöhnlicher Koch. Das Rezept kann perfekt sein, der Mentor kann jeden Handgriff erklären und jede Feinheit zeigen. Irgendwann steht der Lehrling trotzdem allein vor seinem Gericht. Dann entscheidet nicht mehr das Rezept. Dann entscheidet, ob er selbst merkt, dass etwas noch nicht stimmt – und ob es ihn genug beschäftigt, noch einmal anzufangen.
Der Mentor kann zeigen, wie hoch die Messlatte liegt. Den Wunsch, sie zu erreichen, muss der Schüler selbst mitbringen. Genau das ist für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen der Lackademie. Ich möchte niemandem meine Energie leihen, damit er für ein paar Tage motiviert ist. Ich möchte niemanden ziehen, der eigentlich nicht laufen will. Ich suche Menschen, die bereits etwas in sich tragen. Neugier. Disziplin. Rückgrat. Einen eigenen Anspruch an Qualität. Den Wunsch, Dinge wirklich zu verstehen und nicht nur nachzumachen.
Perfektion bedeutet für mich dabei nicht Fehlerlosigkeit. Kein Mensch ist fehlerlos. Ich ganz sicher nicht. Ein hoher Anspruch zeigt sich für mich vielmehr darin, einen Fehler sehen zu wollen. Sich nicht mit „passt schon“ zufriedenzugeben, wenn man selbst weiß, dass es besser geht. Eine Arbeit noch einmal zu machen, obwohl niemand reklamiert hätte. Nicht, weil ein Kunde Druck macht. Nicht, weil ein Lehrer danebensteht. Sondern weil der eigene Anspruch sagt: So möchte ich es nicht abgeben.
Deshalb wird die Lackademie nicht einfach über einen Buchungsbutton funktionieren. Ich möchte die Menschen vorher kennenlernen. Nicht, weil ich darüber entscheiden möchte, wer als Mensch gut genug ist. Das wäre anmaßend. Aber meine Zeit und meine Erfahrung sind mir zu wertvoll, um sie völlig beliebig zu verteilen. Mich interessiert nicht zuerst, welcher Titel auf einer Visitenkarte steht, wie groß ein Betrieb ist oder welches Auto vor der Tür steht. Mich interessiert der Mensch. Kann er zuhören? Kann er widersprechen, ohne respektlos zu werden? Kann er einen Fehler eingestehen? Gönnt er einem anderen seinen Erfolg? Hält sein Wort auch dann, wenn es unbequem wird? Und besitzt er nach vielen Berufsjahren noch die Größe zu sagen: „Das weiß ich nicht. Zeig es mir.“
Ich möchte keine Kopien von mir ausbilden. Im Gegenteil. Ich wünsche mir Menschen mit eigenem Kopf. Menschen, die mein Wissen nehmen, es prüfen, hinterfragen und irgendwann vielleicht etwas besser machen als ich. Wenn jemand eines Tages eine Lösung findet, auf die ich selbst nie gekommen bin, dann habe ich nichts verloren. Dann ist etwas gelungen. Wissen hat seinen Zweck nicht erfüllt, wenn es beim Lehrer bleibt. Es hat seinen Zweck erfüllt, wenn ein anderer Mensch damit weiterkommt.
Vielleicht ist das überhaupt die Form von Wachstum, an die ich noch glaube. Nicht immer größer. Nicht immer schneller. Nicht immer mehr. Sondern tiefer. Von Mensch zu Mensch. Eine Erfahrung wird weitergegeben, verändert sich, entwickelt sich und landet irgendwann vielleicht bei einem Menschen, den ich selbst nie kennenlernen werde. Vielleicht steht einer meiner Schüler Jahre später neben einem jungen Lackierer und sagt einfach: „Komm her. Ich zeige dir etwas.“ Nicht, weil er muss. Nicht, weil er dafür etwas erwartet. Sondern weil jemand irgendwann dasselbe für ihn getan hat.
Ich habe keinen Anspruch, die Gesellschaft zu retten. Vielleicht ist genau dieser Anspruch Teil unseres Problems. Ich glaube inzwischen viel stärker an das Kleine. An ein paar Menschen, die einander vertrauen können. An ein gegebenes Wort, das gilt. An Arbeit, hinter der man stehen kann. An wirtschaftlichen Erfolg, ohne einen anderen Menschen dafür auspressen zu müssen. An Wissen, das geteilt wird. An Hilfe, die nicht automatisch eine Gegenrechnung braucht. An genug Bescheidenheit, um zu wissen, dass keiner von uns fertig gelernt hat.
Vielleicht müssen wir nicht Millionen Menschen überzeugen. Vielleicht reicht es, ein kleines Stück Welt zu schaffen, in dem die Dinge wieder so funktionieren, wie wir glauben, dass sie funktionieren sollten. Ehrlich. Verlässlich. Menschlich. Mit Anspruch, aber ohne Gier. Mit Erfolg, aber ohne Neid. Mit Stärke, aber ohne Überheblichkeit.
Genau so wünsche ich mir die Lackademie. Natürlich soll dort außergewöhnliches Handwerk entstehen. Oberflächen, die begeistern. Prozesse, die verstanden werden. Wissen, das sonst Jahre braucht. Aber wenn jemand die Lackademie verlässt und lediglich besser lackieren kann, wäre mir das fast zu wenig. Ich wünsche mir, dass er seinen eigenen Anspruch klarer kennt. Dass er weiß, wie er arbeiten möchte. Dass er den Mut besitzt, Nein zu sagen, wenn etwas nicht zu seinen Werten passt. Dass er einen Fehler korrigiert, obwohl niemand ihn gesehen hätte. Dass er einem Kunden ehrlich sagt, was sinnvoll ist, auch wenn sich mit etwas anderem mehr verdienen ließe.
Dann wäre etwas angekommen.
Nicht nur Technik.
Haltung.
Handwerk bewahren. Wissen weitergeben. Haltung vermitteln. Qualität weitertragen.
Und wenn irgendwann tatsächlich nur ein einziger Gedanke von mir bleiben sollte, dann wünsche ich mir diesen:
„Wir müssen nicht alles aus dem Leben herausholen. Vielleicht besteht seine eigentliche Größe darin, etwas hineinzulegen, das auch dann noch weiterlebt, wenn wir längst gegangen sind.“
— Jörg Egger
Das ist für mich die Lackademie.
Die Lackademie befindet sich derzeit im Aufbau. Weitere Informationen zu Inhalten, Ablauf und Teilnahme folgen.